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Sex sells: Wie das Porno-Biz gesellschaftsfähig wurde

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Dass man schon mit einem kleinen Streifen nackter Haut ein eigentlich unerotisches Produkt zum Verkaufsschlager machen kann, ist bekannt. Doch wo Nacktheit und „sittsame“ Erotik seit Jahrzehnten gesellschaftlich anerkannt sind, tat sich handfeste Pornografie und die dazugehörige Ästhetik schwer, in normale Bereiche vorzudringen – zumindest bis vor wenigen Jahren. 

Eine Normalisierung der Zustände?

Dabei muss man zunächst einmal betrachten, wie durchaus „pornografisiert“ unser Leben mittlerweile geworden ist – denn weil es ein so schleichender Prozess war und ist, fällt es den wenigsten auf. 

Ein prominentes Beispiel dafür: Noch in früheren Jahren dieses Jahrtausends hätten wohl nicht nur Sittenwächter Zeter und Mordio geschrien, wenn in der Vorabend-TV-Werbung ein Pärchen in ganz offensichtlich „bettfertiger“ Szenerie gezeigt worden wäre. Ein Pärchen, das in Form eines typischen Amateur-Testimonials beschreibt, wie gut sich dieses Produkt anfühlt – „für mich war das, als wären tausend Schmetterlinge in mich reingeflogen“ sagt die junge Dame, während mehrfach ein lilafarbiger Gegenstand im Bild zu sehen ist. Am Ende erfährt der Zuschauer, dass es ein Paar-Vibrator ist und dass es sich um einen Spot für den dahinterstehenden Versandhandel handelt. 

Das Interessante an diesem Beispiel ist die Herangehensweise, denn sie ist archetypisch für den Weg, wie Pornographie gesellschaftsfähig wurde: Es wird nicht mit der „Holzhammer-Methode“ gearbeitet. Der Spot hat nichts primär Pornographisches. Es sind „Normalo-Typen“, die etwas beschreiben, was den meisten in der Zielgruppe wichtig ist: Guter, aber normaler „Blümchensex“. Nichts mit Ketten und Peitschen, keine Extreme, aber auch nichts Schwülstiges, Zotiges, Verstecktes.

Sex und der Umgang damit sind etwas völlig Normales, so die Botschaft. Und dahinter steckt ein langer Weg. 

Weil es alle tun

Eigentlich, so muss man fast feststellen, ist es verwunderlich, dass es so lange dauerte, bis dieses Thema in der Mitte der Gesellschaft ankam. Denn natürlich ist Sex so quintessenziell menschlich wie Essen und Schlafen – und der Mensch ist auch noch als eines der wenigen Lebewesen so „verdrahtet“, dass er nicht nur zu bestimmten Paarungszeiten Sex will und darüber hinaus auch Spaß am Zusehen hat. 

Der Grund dafür, dass wir erst heute so normal darüber reden, ist einfach: Unsere Gesellschaft wurde offener. In allen Bereichen, nicht nur dem Pornographischen. Wobei man „reden“ nicht mit „Vorhandensein“ verwechseln sollte.

Porno, also das Zuschaustellen von Sex, das Zuschauen und sich dadurch erregen, ist so alt wie die Menschheit. Was wohl schon in der Steinzeit mit Live-Zusehen begann, entwickelte sich zu Zeichnungen und Gemälden. Als die Fotografie erfunden war, waren schnell die ersten Porno-Fotos geschossen. Auch im Bewegtbild wurde mit Le Coucher de la Mariée bereits 1896 ein für damalige Verhältnisse „scharfer“ Streifen gedreht – und im Untergrund um die Jahrhundertwende auch schon „echte“ Hardcore-Pornografie gedreht. 

Porno war immer vorhanden, aber aufgrund hartnäckiger Moralvorstellungen „Pfuibäh“. Erst mit dem Jahrtausendwechsel änderte sich das.

Es waren damals vor allem die Damen von Sex and the City, The L-Word und ähnlichen Serien, die nicht nur offen mit dem Thema umgingen, sondern auch Praktiken beschrieben, die damals noch „wirklich porno“ waren. 

Damit war ein wichtiger Schritt getan, Pornographie bzw. alles, was sie beinhaltete, wurde aus zwielichtigen Shops und Kinos in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gezogen. 

Die haben ja Ahnung

Schon in den 1990ern hatten TV-Produzenten und Verleger erkannt, dass man, wenn man etwas erklären wollte, auch beim Thema Sex am besten auf jemanden zurückgriff, der Ahnung davon hatte. Und egal ob es Dru Berrymore, Dolly Buster oder Gina Wild war, plötzlich waren Pornodarstellerinnen abseits ihrer eigentlichen Profession als „Sexpertin“ zu sehen. Und zwar in einem Maß, dass manche von ihnen den Porno-Mantel vollkommen abstreifen konnten. 

Auch heute funktioniert dieses Erklär-Prinzip noch, wenngleich in anderer Form. Bestes Beispiel: Pornhub. Das Porno-Portal dürfte nebst YouPorn und anderen, ähnlich gelagerten Seiten der großen Masse als wichtigste Pornobasis des Netzes bekannt sein. 

Ähnlich wie die Darstellerinnen schaffte es Pornhub, das zu tun, was der Fachmann Diversifikation nennt: Man bewegt sich weg vom Kerngeschäft, expandiert in die Breite. Heute ist es deshalb vollkommen normal, das noch das kleinste Online-Regionalblatt eine Meldung bringt, wenn Pornhub seine jährliche Porno-Statistik herausbringt, die dank ihrer Detailfülle enorm tiefe Einblicke in das Sexleben einer Gesellschaft ermöglicht. 

Doch es geht noch viel weiter: So gibt es mittlerweile ein offiziell lizensiertes Pornhub-Casino im Netz – weitere Informationen finden Sie hier. Obendrein widmet sich Pornhub mit einem eigenen Label „erwachsener“ Musikproduktion und initiiert zudem immer wieder Spendenaktionen. 

Solche Maßnahmen sind es, die ein einstiges Schmuddelimage erst verdünnen, dann in den Hintergrund treten lassen. Was dann noch übrig bleibt, wird von der Gesellschaft problemlos anerkannt – denn die ist liberaler geworden und stößt sich an der bloßen Tatsache, dass ein Unternehmen (auch) mit hartem Sex zu tun hat, kaum noch. 

Andere machen noch mehr

Ein weiterer interessanter Grund, der gleichzeitig auch dafür steht, wie sehr hier gesellschaftliche Wechselwirkungen vorhanden sind, ist folgender: Denn je weniger das Porno-Business in jüngster Zeit noch zum echten Schocker taugt, desto weniger tun es auch andere pornographische Inhalte.  

Noch vor zehn Jahren klappte Fans von Stars und Sternchen der kollektive Kiefer herab, als sich Britney Spears, Paris Hilton und Co. beim Aussteigen aus ihren Autos von den Paparazzi so fotografieren ließen, dass alle Welt feststellen konnte, dass die Ladies gerne ohne Unterwäsche das Haus verließen – heute laufen solche Meldungen selbst auf Promi-Portalen unter „ferner liefen“. 

Dass sich die Industrial-Rocker Rammstein 2009 für ihr Video zu „Pussy“ von Körperdoubles so perfekt beim (echten) Sex darstellen ließen, dass es sogar wohl zu Ärger mit den besseren Hälften der Bandmitglieder kam, ist heute ebenfalls nur noch eine Anekdote – ähnlich wie Lars von Triers Epos Nymphomaniac. Bei dem wurden zwar ebenfalls Bodydoubles verwendet, aber so perfekt, dass viele heute noch glauben, Shia LaBeouf und Co. seien in den Hardcore-Szenen persönlich vertreten – keiner Karriere schadete es. 

Zusammengefasst:

Dass das Porno-Biz heute so gesellschaftsfähig ist, hat vor allem mit dem gesellschaftlichen Wandel an sich zu tun. Der Umgang mit allem, was Sex ausmacht, wurde im jüngsten Vierteljahrhundert um ein Vielfaches liberaler. Ein wichtiger Grund dafür ist der Aufstieg des Internets, der das, was zuvor hinter verschlossenen Türen stattfand, direkt via PC in die Heime brachte und so zu einem echten Massenphänomen machte.

Dadurch war das Thema breit verankert und es konnten normale Medien pornographischer werden, ohne rote Linien zu übertreten. Das Porno-Business profitierte davon und verstand es, eine noch viel größere Gesellschaft anzusprechen, indem es sich weniger sündig gab, sondern sich einen ganz normalen Anstrich verpasste. Zwar ist Porno nach wie vor etwas schlüpfrig, aber dermaßen skandalträchtig und schmuddelthematisch ist es längst nicht mehr – und wird es auch wohl nie wieder werden.

Bildquelle: Unsplash.com © Charles PH

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